Morbus Hunter (Mukopolysaccharidose Typ II)

DNA-Strang des Menschen
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Ursachen: Was sind die Ursachen von Morbus Hunter?

Bei Morbus Hunter (auch bekannt als Mukopolysaccharidose Typ II) handelt es sich um eine erblich bedingte Stoffwechselerkrankung, welche dazu führt, dass sich komplexe Kohlenhydrate, sogenannte Glykosaminoglykane (kurz GAGs), in der Zelle anreichern. Bei Morbus-Hunter-Patienten ist das für den Abbau dieser Kohlenhydrate verantwortliche Enzym namens Iduronatsulfatase ganz oder teilweise defekt. Dieses Enzym befindet sich in speziellen Bläschen innerhalb der Zelle, den Lysosomen. Bei Morbus Hunter reichern sich folglich die GAG-Kohlenhydrate in den Lysosomen an. Aus diesem Grund zählt Morbus Hunter zu den lysosomalen Speicherkrankheiten, zu denen unter anderem auch Morbus Gaucher, Morbus Fabry und Morbus Pompe gehören.

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Morbus Hunter tritt bei 1,3 von 100.000 männlichen Neugeborenen auf und zählt daher zu den seltenen Erkrankungen. Es handelt sich um eine X-chromosomal rezessiv vererbte Krankheit; dies bedeutet, dass das Gen, das den Bauplan für das Enzym Iduronatsulfatase kodiert, auf dem X-Chromosom liegt. Das X-Chromosom und das Y-Chromosom bilden zusammen die Geschlechtschromosomen: Männer besitzen ein von der Mutter vererbtes X- und ein vom Vater vererbtes Y-Chromosom, Frauen dagegen zwei X-Chromosomen – eins von der Mutter und eins vom Vater – und kein Y-Chromosom. Wenn Männer daher von der Mutter eine schadhafte Kopie des Iduronatsulfatase-Gens auf dem X-Chromosom erben, erkranken sie an Morbus Hunter.

Bei Frauen mit Morbus Hunter ist meist nur eine Kopie des Enzym-Bauplans defekt. Die normale Kopie des Bauplans auf dem anderen X-Chromosom reicht aus, um genug funktionsfähiges Enzym herzustellen und eine Anreicherung von GAG-Kohlenhydraten in den Lysosomen der Zellen zu verhindern. Solche Frauen erkranken zwar für gewöhnlich nicht an Morbus Hunter, sie können die Krankheit aber weitervererben – man bezeichnet sie daher als Überträgerinnen der Krankheit.

Beschwerden: Wie äußert sich Morbus Hunter?

Bei Morbus Hunter kommt es zu vergröberten Gesichtszügen sowie einer vergrößerten Zunge, verdickter Haut (oft in Kombination mit blassen Knötchen) und vermindertem Wachstum. Leber und Milz sind deutlich vergrößert (Hepatosplenomegalie), sodass der Bauch deutlich hervorgewölbt ist. Charakteristisch für Morbus Hunter ist auch eine Steifheit der Gelenke – im Bereich der Hände führt dies zu sogenannten „Klauenhänden“. Oft treten Atemprobleme wie Atemstillstände im Schlaf (Apnoen) auf. Zudem ist bei Morbus Hunter das Skelett verändert, beispielsweise im Bereich des Schädels, der Wirbelsäule, des Beckens und der Handknochen. Häufig treten Nabel- und Leistenbrüche (Hernien) auf.

Auch das Herz kann bei Morbus Hunter betroffen sein: Da die Herzklappen verdickt sind, können sie nicht mehr richtig schließen – die Klappen sind „undicht“ (Aorten- und Mitralinsuffizienz). Wenn das Rückenmark im Übergangsbereich vom Kopf zum Hals verengt ist, kann es zu Lähmungserscheinungen kommen. Mit zunehmendem Alter verschlechtert sich bei Morbus Hunter das Sehvermögen infolge einer Netzhaut-Degeneration. Außerdem entwickeln fast alle Morbus-Hunter-Patienten mit fortschreitender Krankheit eine Schwerhörigkeit, begleitet von häufigen Ohrentzündungen.

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Abhängig von der Schwere der Symptome und davon, ob das Nervensystem beteiligt ist, kann man zwei Typen von Morbus Hunter unterscheiden; die Übergänge zwischen beiden Typen sind jedoch fließend. Bei der schweren, neuronopathischen Form von Morbus Hunter (früher auch bekannt als Typ A) ist die geistige und körperliche Entwicklung verzögert, und die Kinder leiden bereits früh an Schlafstörungen, Hyperaktivität und Verhaltensauffälligkeiten. Später kommt es zu einer geistigen Rückentwicklung bis hin zu schwerer Demenz. Oft entwickeln die Kinder einen Wasserkopf (sog. Hydrozephalus) und eine Epilepsie. Im Gegensatz dazu ist bei der nicht-neuronopathischen Form von Morbus Hunter (früher Typ B) die geistige Entwicklung nicht beeinträchtigt, und Krankheitssymptome treten oft erst im Erwachsenenalter auf.

Diagnose: Wie wird Morbus Hunter diagnostiziert?

Die für Morbus Hunter typischen frühen Symptome, wie wiederkehrende Atemwegsinfekte, Nabel- und Leistenbrüche oder eine Fehlstellung der Hüfte (Dysplasie), treten meist bereits im Alter von zwei bis vier Jahren auf. Da es sich allerdings um unspezifische Symptome handelt, bleibt die Krankheit oft unerkannt. Im Fall von vergröberten Gesichtszügen, Gelenksteife und Organvergrößerungen dagegen liegt der Verdacht auf Morbus Hunter nah.

Um den Verdacht auf Morbus Hunter zu bestätigen, lässt der Arzt den Urin daraufhin untersuchen, ob größere Mengen an GAG-Kohlenhydraten ausgeschieden werden. Um die Diagnose zu bestätigen, kann der Arzt die Enzymaktivität der Iduronatsulfatase untersuchen – hierzu reicht eine Blut– oder Hautprobe (Biopsie).

Behandlung: Wie kann Morbus Hunter behandelt werden?

Da bei Morbus Hunter ein Enzymdefekt vorliegt, wird dem Körper zur Behandlung eine synthetisch hergestellte Form des Enzyms namens Idursulfase durch wöchentliche Infusionen zugeführt (sog. Enzym-Ersatz-Therapie). Allerdings kommt es bei dieser Therapieform sehr häufig zu Nebenwirkungen wie Juckreiz und Hautausschlag, Fieber, Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Sodbrennen und Brustschmerzen.

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Zusätzlich zur Enzym-Ersatz-Therapie behandelt der Arzt auch die durch Morbus Hunter verursachten Symptome. Hierzu gehören beispielsweise die medikamentöse Therapie der Herzklappeninsuffizienz und die Behandlung der Atemstillstände im Schlaf mittels Beatmung. Zudem können Operationen notwendig sein, zum Beispiel eine Entfernung der Rachen– und Gaumenmandeln oder orthopädische Eingriffe.

Da es sich bei Morbus Hunter um eine Erbkrankheit handelt, lässt sich diese Erkrankung gegenwärtig nicht heilen. Therapieformen wie die Transplantation blutbildender Stammzellen oder eine Gentherapie könnten Morbus Hunter zwar theoretisch heilen, gelten derzeit aber allenfalls als experimentell.

Prognose: Wie ist die Prognose von Morbus Hunter?

Der Krankheitsverlauf von Morbus Hunter ist sehr variabel. Bleibt die Erkrankung unbehandelt, kann Morbus Hunter bei schweren Verlaufsformen bereits vor dem fünften Lebensjahr zum Tod führen, aber auch bei leichten Verlaufsformen sterben viele Betroffene, bevor sie das Erwachsenenalter erreichen. Insbesondere nicht-neuronopathische Formen von Morbus Hunter lassen sich aber mittels Enzym-Ersatz-Therapie und zusammen mit einer Behandlung der Krankheitssymptome gut therapieren.

Vorbeugung: Wie kann man Morbus Hunter vorbeugen?

Die Ursache für Morbus Hunter ist ein Gendefekt, daher kann man dieser Erkrankung nicht vorbeugen. Ist die Mutter Überträgerin der Krankheit und der Vater gesund, sind alle weiblichen Nachkommen gesund, die Hälfte der Töchter kann jedoch ebenfalls Überträgerin der Krankheit sein. Bei den männlichen Nachkommen liegt die Wahrscheinlichkeit bei 50 Prozent, das defekte Gen von der Mutter zu erhalten und somit an Morbus Hunter zu erkranken. Ist die Mutter gesund und der Vater an Morbus Hunter erkrankt, sind alle Töchter Überträgerin der Krankheit, alle Söhne dagegen gesund.

Bei Paaren mit Kinderwunsch, in deren Familien Morbus Hunter aufgetreten ist, empfiehlt sich deshalb eine genetische Beratung. Während der Schwangerschaft kann der Arzt durch eine sogenannte Chorionzotten-Biopsie oder Fruchtwasser-Untersuchung (Amniozentese) untersuchen, ob beim Kind das Morbus-Hunter-Gen defekt ist.

Weitere Informationen

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Web-Tipps:
Gesellschaft für Mukopolysaccharidosen e.V. www.mps-ev.de
Allianz Chronisch Seltener Erkrankungen ACHSE www.achse-online.de
Orphanet – Das Portal für seltene Erkrankungen und Orphan Drugs: www.orpha.net
Autor: Dr. Annukka Aho-Ritter
medproduction, www.medproduction.de
Datum der letzten Aktualisierung: November 2017
Quellen:
EB: Morbus Hunter: Erstkontakt meist beim HNO-Arzt. Deutsches Ärzteblatt (11/2011) http://www.aerzteblatt.de/int/article.asp?id=112941
Muschol, N. M.: Mukopolysaccharidose Typ II – Morbus Hunter. Kinder- und Jugendmedizin (06/2011) http://icld-hamburg.de/Dokumente/Hunter.pdf
Piper, W.: Innere Medizin. Springer, Berlin Heidelberg 2013
Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. De Gruyter, Berlin 2017