Künstliches Koma: Was ist das?

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© Michael Bührke / pixelio.de

Ereignet sich ein schwerer Unfall oder muss eine komplizierte Operation durchgeführt werden, ist oft die Rede davon, dass ein Patient auf der Intensivstation ins „künstliche Koma versetzt“ wird. Ähnlich eines vom Körper ausgelösten Komas, ist ein Patient im künstlichen Koma nicht ansprechbar und zeigt fast keine Reaktion auf Reize von außen. Außerdem sind seine sogenannten Vitalzeichen wie Atmung und Puls herabgesetzt.

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Der Begriff „künstliches Koma“ ist jedoch, streng genommen, irreführend und angstmachend, denn bei einem „künstlichen Koma“ handelt es sich nicht um ein richtiges Koma, sondern um eine Langzeit-Narkose oder starke Sedierung. Die Ärzte setzen hierfür eine individuell abgestimmte Kombination verschiedener Medikamente ein und kontrollieren so den tiefen Schlaf des Patienten.

Warum kann ein künstliches Koma nötig sein?

Ein künstliches Koma kann nötig sein, um den Körper eines schwer verletzten Patienten zu schonen und so den Heilungsprozess zu fördern. Die Ärzte verabreichen Medikamente, die Schmerzen lindern und beruhigend wirken. Der Verletzte spürt keine Schmerzen und keine Angst mehr, wodurch sich die Stressreaktionen seines Körpers stark verringern und der Organismus somit geschont wird.

Außerdem verbraucht der Körper im künstlichen Koma weniger Sauerstoff. Dies mindert die Gefahr einer Unterversorgung mit Sauerstoff (Hypoxie), die bei Schwerverletzten ein großes Problem darstellt.

Wie wird ein künstliches Koma herbeigeführt?

Die Langzeit-Narkose, die das künstliche Koma eigentlich darstellt, wird durch die Kombination verschiedener Medikamente herbeigeführt. Da die Ärzte sowohl eine Schmerzlinderung (Analgesie) als auch eine Beruhigung (Sedierung) anstreben, sprechen sie von einer Analgosedierung des Patienten.

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Zur Schmerzlinderung werden beim künstlichen Koma meist starke Schmerzmittel (Analgetika) aus der Gruppe der Opioide verwendet, z.B. Fentanyl. Zur Beruhigung des Patienten wählen die Ärzte häufig sogenannte Sedativa aus der Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine. Diese wirken nicht nur beruhigend (sedierend), sondern auch angstlösend (anxiolytisch) und helfen dem Patienten, das Geschehene zu vergessen (amnestischer Effekt).

In der Intensivmedizin für das künstliche Koma häufig genutzte Wirkstoffe aus der Gruppe der Benzodiazepine sind Midazolam, Diazepam und Flunitrazepam. Die Analgosedierung wird von Narkoseärzten (Anästhesisten) nach festgelegten medizinischen Kriterien überwacht (Monitoring) und laufend an den Zustand des Patienten angepasst.

Wie wird ein künstliches Koma wieder beendet?

Das künstliche Koma ist heutzutage Routine in der Intensivmedizin und an sich nicht gefährlich. Dennoch wird das künstliches Koma grundsätzlich so lange wie nötig, aber nur so kurz wie möglich aufrechterhalten, da eine Langzeit-Narkose nicht ohne Nebenwirkungen ist. So kann es bei den verwendeten Schmerzmitteln zur Toleranz kommen, das heißt es sind immer höhere Dosierungen nötig, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Außerdem kann es sein, dass beim Absetzen der angstlösenden Medikamente Entzugserscheinungen auftreten. Aus diesem Grund „wecken“ Ärzte den Patienten aus dem künstlichen Koma langsam auf. Es erfolgt sprichwörtlich eine Entwöhnung des Patienten von den Medikamenten.

Eine Analgosedierung, die so tief ist, dass man von einem künstlichen Koma spricht, wird nur bei schwer verletzten Personen durchgeführt. Darüber hinaus kann diese Behandlung in vielerlei Abstufungen erfolgen, bei denen der Patient beispielsweise noch ansprechbar ist und sich dem behandelnden Arzt mitteilen kann. Grundsätzlich sedieren die Ärzte die Patienten nur so stark, wie es nötig ist, um die Stresssituation einer intensivmedizinischen Behandlung abzumindern und ihnen vermeidbare Schmerzen und Angst zu ersparen.

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Weitere Informationen

Autor: Dr. Katja Brennan, Diplom-Biologin
Datum: Oktober 2015
Quellen:
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften: http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/012-019l_S3_Polytrauma_Schwerverletzten-Behandlung_2015-01.pdf (Abruf 10/2015)
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften: http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/020-015l_S2k_Prolongiertes_Weaning_2014_01.pdf (Abruf 10/2015)
Schulte am Esch, J. et al., Anästhesie und Intensivmedizin. Thieme, Stuttgart 2000