Poliomyelitis (Kinderlähmung)

©Pixabay

Ursachen: Was sind die Ursachen von Poliomyelitis?

Poliomyelitis (kurz: Polio) ist eine hoch ansteckende Viruserkrankung, die durch Polioviren verursacht wird. Polioviren waren vor Einführung der Polio-Impfung weltweit so stark verbreitet, dass die Infektion meist schon im Kindesalter erfolgte, wodurch im Volksmund die Bezeichnung „Kinderlähmung“ entstand.

Anzeige

Das Poliovirus dringt in das Nervensystem ein und kann eine Lähmung, meist in den Beinen, verursachen. Der typische Übertragungsweg ist fäkal-oral: Dabei kommt eine Person mit Polioviren, die ein Infizierter ausgeschieden hat, in Kontakt und nimmt diese über den Mund auf. Schlechte hygienische Bedingungen begünstigen daher die Ausbreitung von Kinderlähmung-Infektionen. Kurz nach der Ansteckung vermehren sich die Polioviren massenhaft im Darm und im Rachenraum. Solange eine an Poliomyelitis erkrankte Person das Virus ausscheidet, gilt sie als ansteckend. Die Ausscheidung über den Stuhl beginnt im Regelfall nach zwei bis drei Tagen und kann bis zu sechs Wochen anhalten. In seltenen Einzelfällen kann die Ausscheidung Monate und Jahre dauern.

Beschwerden: Wie äußert sich Poliomyelitis?

Mehr als 95 % der Poliomyelitis-Infektionen verlaufen symptomlos. Nur bei einem geringen Anteil der Erkrankten kommt es zu kurzzeitigen Beschwerden wie Fieber, Muskel-, Magen, Kopf- und Halsschmerzen. Nervenzellen sind bei dieser Form nicht betroffen (abortive Polio).
Die Inkubationszeit, das heißt die Zeit von der Infektion bis zum Auftreten erster Symptome, beträgt bei der Poliomyelitis 3 bis 35 Tage.

Bei Polio-Infektionen des zentralen Nervensystems unterscheidet man zwei Formen:
Nicht-paralytische Polio (ohne Lähmungserscheinungen): Neben Fieber treten Nacken- und Rückenschmerzen sowie Muskelkrämpfe auf.
Paralytische Polio: Zunächst treten ähnliche Symptome wie bei der nicht-paralytischen Form auf; nach einer vermeintlichen Besserung kommen dann Lähmungen hinzu, die häufig asymmetrisch auftreten, also beispielsweise nur ein Bein betreffen. Dieser zweiphasige Verlauf der Poliomyelitis ist bei Kindern häufiger als bei Erwachsenen.

Das Postpolio-Syndrom kann Jahre oder Jahrzehnte nach der Erkrankung auftreten und hat Lähmungen mit Muskelschwund zur Folge. Es wird angenommen, dass eine chronische Überlastung von Nervenzellen, die nicht durch die Polioviren geschädigt wurden, zu einer anhaltenden Muskelschwäche führt.

Anzeige

Diagnose: Wie wird Poliomyelitis diagnostiziert?

Da die ersten Krankheitszeichen der Poliomyelitis, wie Fieber und Kopfschmerzen, auch bei vielen anderen Virus-Erkrankungen auftreten können, kann der Arzt die Diagnose Polio nur mit Hilfe von Laboruntersuchungen stellen. Dabei müssen andere Krankheiten ausgeschlossen werden (sogenannte Differenzialdiagnostik).
Bei einem Verdacht auf eine Polio-Erkrankung gelingt der Nachweis der Viren am besten über eine Stuhlprobe . In den ersten 14 Tagen nach der Ansteckung lässt sich in etwa 80 % der Fälle das Virus im Stuhl von Erkrankten nachweisen. Auch Abstriche des Rachens und die Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit (Liquor) können zur Diagnose der Poliomyelitis untersucht werden.

Behandlung: Wie kann Poliomyelitis behandelt werden?

Poliomyelitis ist nicht heilbar, da kein entsprechendes antivirales Medikament existiert. Die Polio-Behandlung konzentriert sich somit auf die Linderung der Symptome. Sie ist je nach Verlaufsform der Erkrankung individuell zugeschnitten. Insbesondere wenn Lähmungen auftreten, sind oft längere physiotherapeutische (krankengymnastische) und orthopädische Nachbehandlungen erforderlich.

Poliomyelitis ist meldepflichtig, das heißt bei einem Verdachtsfall wird das zuständige Gesundheitsamt unverzüglich informiert. Es erfolgt eine sofortige Krankenhauseinweisung unter strikten Hygienemaßnahmen und Isolierbedingungen, mit räumlicher Trennung von anderen Patienten und eigener Toilette.

Prognose: Wie ist die Prognose von Poliomyelitis?

Der Großteil der an Poliomyelitis Erkrankten hat keine oder nur leichte Symptome. Meist bildet der Körper schon nach kurzer Zeit neutralisierende Antikörper und die Krankheit ist überstanden.
Bei den seltenen Formen der Poliomyelitis mit motorischen Beeinträchtigungen bilden sich typischerweise die Lähmungen teilweise, aber nicht vollständig zurück.

Leser dieses Artikels interessierten sich auch für:

Vorbeugung: Wie kann man Poliomyelitis vorbeugen?

Eine Routine-Impfung, bei der der Polio-Impfstoff injiziert wird, schützt sicher vor der Erkrankung Poliomyelitis. Diese Art der Impfung, bei der abgetötete, also inaktivierte, Viren verabreicht werden, kann auch bei Personen mit Immunschwäche angewandt werden. Laut Impfkalender der Ständigen Impfkommission des Robert Koch-Instituts (STIKO) sind Impfungen im ersten und zweiten Lebensjahr und eine Auffrischung im Alter von 9 bis 17 Jahren vorgesehen. Danach gelten die so geimpften Personen als vollständig immunisiert. Auch im Erwachsenenalter kann ein vollständiger Polio-Impfschutz nachgeholt werden.

Die orale Verabreichung von abgeschwächten, aber noch aktiven Viren (Schluckimpfung) wird seit 2016 schrittweise global eingestellt, da es in extrem seltenen Fällen zu Lähmungen durch diese Art der Impfung kam.
Für bestimmte Personengruppen wird eine Auffrischimpfung empfohlen, wenn die letzte Impfung mehr als zehn Jahre zurückliegt, beispielsweise für Reisende in Regionen mit Infektionsrisiko und medizinisches Personal mit engem Kontakt zu Erkrankten.

Heute, nach Einführung der Polio-Impfung, leben 80 % der Weltbevölkerung in poliofreien Gebieten, Europa gilt seit 2002 als poliofrei. Da aber das Poliovirus nicht überall auf der Welt vollständig ausgerottet wurde, sind hohe Impfungsraten der Bevölkerung wichtig, um im Falle einer Einschleppung Krankheitsausbrüche zu verhindern. Die Global Polio Eradication Initiative, der unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO als Partner angehört, arbeitet an der weltweiten Ausrottung des Poliomyelitis-Virus, das Jahr 2023 ist das erklärte Ziel.

Weitere Informationen

Informationen zur aktuellen epidemischen Situation in einzelnen Ländern finden Sie unter:
http://www.euro.who.int/de/home
Hintergründe zur Arbeit der Global Polio Eradication Initiative (GPEI) finden Sie unter:
http://polioeradication.org/polio-today/
Jeweils aktuelle Impfempfehlungen der STIKO (Ständige Impfkommission) finden Sie unter: https://www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/STIKO/Empfehlungen/Impfempfehlungen_node.html

Autor: Dr. Constanze Kuckuck, medproduction GmbH, www.medproduction.de
Datum: April 2020
Quellen:
Robert Koch-Institut: Infektionsschutz, Impfen, Impfungen A – Z, Schutzimpfung gegen Poliomyelitis: Häufig gestellte Fragen und Antworten. Stand: 05.03.2019 (Abruf 04/2020) (www.rki.de/SharedDocs/FAQ/Impfen/Poliomyelitis/FAQ-Liste_Poliomyelitis_Impfen.html#FAQId4598058)
Robert Koch-Institut: Infektionsschutz, RKI-Ratgeber, Poliomyelitis. (Abruf 04/2020) (www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Poliomyelitis.html#doc2374544bodyText2)
Weltgesundheitsorganisation (WHO) Europa: Gesundheitsthemen, Krankheitsprävention, Poliomyelitis und Imfpstoffe zu ihrer Ausrottung – Fragen und Antworten. Stand: 08.04.2016 (Abruf 04/2020) (www.euro.who.int/de/health-topics/disease-prevention/pages/news/news/2016/04/poliomyelitis-polio-and-the-vaccines-used-to-eradicate-it-questions-and-answers#polio)
Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 14 (04.04.2019): Die globale Polio-Eradikation ist zum Greifen nahe – Ziele ist das Jahr 2023. (https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2019/Ausgaben/14_19.html)